Neue Prozesse entwickelt? So werden sie im Alltag auch gelebt.
In fast jedem Unternehmen gibt es zwei Versionen jedes Prozesses: den, der im Handbuch steht, und den, der tatsächlich gearbeitet wird. Zwischen beiden klafft meist eine größere Lücke, als der Führung bewusst ist.
Der erste Reflex ist dann, die Ursache bei den Menschen zu suchen: zu wenig Disziplin, zu wenig Schulung, zu wenig Konsequenz. In unseren Projekten sehen wir regelmäßig etwas anderes. Die Umsetzungslücke entsteht selten aus fehlendem Willen, sondern aus der Perspektive, aus der ein Prozess entworfen wurde. Wer die Mitarbeiter einbezieht, ist schon einen Schritt weiter – entscheidend ist aber, dass der Prozess konsequent aus der Sicht derer gedacht wird, die ihn später ausführen. Die Führung steuert bei, was die Wertschöpfung verlangt. Aber der Alltag, in dem der Prozess funktionieren muss, gehört den Fachbereichen.
Wir zeigen, wie Sie neu entwickelte Prozesse mit konsequenter Führung im Tagesgeschäft verankern.
Warum Prozesse im Alltag nicht gelebt werden
Wenn ein Prozess nicht gelebt wird, hat das fast immer dieselben vier Gründe:
- Der Prozess entstand ohne das Praxiswissen der Fachbereiche. Wer einen Prozess entwirft, ohne ihn selbst auszuführen, kennt seine Hürden im Alltag nicht – und baut ihn selten so effizient, wie er sein könnte. Die Teams bauen sich dann informelle Abläufe, die für sie praktikabler sind. Führung und Mitarbeiter bemühen sich beide um wertschöpfendes Arbeiten, und trotzdem macht der fehlende Austausch den mühevoll entwickelten Prozess zunichte.
- Der Prozess ist zu detailliert geplant und modelliert. Enthält ein Prozess so viele Schritte und Verzweigungen, dass er über zig Seiten läuft, schreckt allein der Umfang von der Umsetzung ab. O-Ton aus einem unserer Workshops zu einem alten Prozess: „Das war so eine lange Tapete. Wer soll das jeden Tag genau so umsetzen?“ Überkomplexität – in der Ausführung wie in der Darstellung – erschlägt die Teams und bremst die Umsetzung.
- Die Mitarbeiter verstehen den Mehrwert nicht. Wer nicht erkennt, was ein Prozess ihm selbst bringt, empfindet ihn als bürokratische Last und vernachlässigt ihn schnell. Das gilt auch dann, wenn die Führung das Wertschöpfungspotenzial für das Unternehmen vorher klar kommuniziert hat. Solange niemand spürt, wie ineffiziente Abläufe ihn persönlich betreffen, ändert sich die Haltung nur in den seltensten Fällen.
- Dem Prozess fehlen Steuerung und Controlling. Prüft niemand regelmäßig anhand vorab definierter Kennzahlen, ob ein Prozess gut genug performt, wird hohe Performance auch nie erreicht. Ohne messbare Kontrollgrößen und eine klar zugewiesene Verantwortung treibt ihn niemand aktiv voran – und er bleibt ineffizient, selbst wenn er zuvor exzellent konzipiert wurde.
Was diese vier Gründe verbindet: Sie lösen sich alle über dieselbe Frage – wessen Perspektive der Prozess abbildet. Wie das gelingt, ohne die Konsequenz einer Führungskraft zu verlieren, erläutern wir im Folgenden für alle vier Fälle.
Den Prozess aus der Sicht derer entwickeln, die ihn ausführen
Die effizientesten Prozesse entstehen mit den Menschen, die später mit ihnen arbeiten. Holen Sie die relevanten Personen aus dem operativen Betrieb also schon bei der Modellierung an den Tisch. Überraschend oft ist der bequemste Weg für Ihr Team zugleich der effizienteste.
Effizientes Prozessdesign heißt heute außerdem, den Ablauf eng auf die Tools zuzuschneiden, mit denen die Fachbereiche arbeiten – und deren Eigenheiten kennen sie besser als die Führung. Das gilt für gängige Systeme wie Salesforce oder SAP und erst recht für fachspezifische Programme, etwa AutoCAD oder EPLAN mit ihren Layer- und Versionierungsstandards in der Gebäudeplanung. Glauben Sie uns: „Das geht aber in AutoCAD nicht“ ist ein Satz, den Sie nach dem Investment in neue Prozesse nicht hören wollen.
Der bequemste Weg ist allerdings nicht immer der wertschöpfendste. Manchmal führt der richtige Prozess über unbequeme Schritte. Sammeln Sie das Praxiswissen ein und kommen Sie Ihrem Team entgegen – entscheiden aber tun Sie, und Sie setzen es durch, wenn die Wertschöpfung es verlangt.
Den Prozess schlank, aber unmissverständlich modellieren
Ein Prozess wird eher gelebt, wenn er sich auf die nötigsten Schritte beschränkt. Jeder zusätzliche Schritt bedeutet zusätzlichen Aufwand, und ab einer gewissen Menge kippt das in Überforderung. Prüfen Sie deshalb für jeden Schritt die Existenzberechtigung. Das nimmt Aufwand und steigert die Output-Qualität, denn weniger Schritte bedeuten weniger Fehlerquellen. Seltene Sonderfälle lassen sich notfalls über eine kurze Eskalationsregel abfangen, statt jede Eventualität auszumodellieren.
Schlank heißt dabei nicht ungenau. Jeder Schritt, der bleibt, muss so präzise beschrieben sein, dass er sich nicht unterschiedlich auslegen lässt – sonst entstehen an genau diesen Stellen wieder informelle Varianten. Die Kunst liegt darin, die Zahl der Schritte zu reduzieren und gleichzeitig auf das Detaillevel zu gehen, das den einzelnen Schritt eindeutig macht. Weglassen sollten Sie Schritte, nicht Klarheit.
Auch die Notation hilft, einen Prozess schlank aussehen zu lassen: BPMN 2.0 bietet Möglichkeiten, Detailschritte in Unterprozesse auszulagern, statt sie in der Hauptübersicht auszubreiten, oder Zuständigkeiten über Swimlanes übersichtlich zu zeigen. Elegant zu modellieren ist eine Kunst, die sich zu lernen lohnt – wir bieten sie auch als Schulung für Unternehmen an.
Die Modellierung ist allerdings nur die halbe Miete. Genauso wichtig ist, was Sie rundherum festlegen: Womit startet der Prozess, was soll am Ende herauskommen, wer trägt welche Rolle, mit welchen Systemen und Ressourcen wird gearbeitet, nach welchen Vorgaben, und woran messen Sie, ob er läuft? Wir arbeiten dafür mit der Turtle-Methode, die genau diese Faktoren auf einer Seite zusammenführt. Der Effekt ist zweifach: Die Prozessgrafik bleibt schlank, weil sie nicht alles mittragen muss, und trotzdem bleibt nichts offen – Ihre Mitarbeitenden haben eine eindeutige Grundlage statt Interpretationsspielraum.
Ziehen Sie die Grenze aber dort, wo Vereinfachung die Output-Qualität gefährdet, und bleiben Sie in diesen Diskussionen hart. Holen Sie Ihr Team lieber vorab über eine simple Modellierung ab, verweisen Sie auf bereits gestrichene Schritte und auf die neuen, faireren Verantwortlichkeiten.
Den Mehrwert aus Sicht der Mitarbeitenden aufzeigen
Wer weiß, warum ein Schritt für ihn persönlich wichtig ist, hält sich eher daran, als wenn ihm nur gesagt wird, dass er ihn tun muss. Zeigen Sie deshalb konkret, welche Mehrarbeit ein übersprungener Schritt bei anderen verursacht – das wirkt stärker als jeder Verweis auf die gesamtunternehmerische Wertschöpfung.
Achten Sie dabei auf den Ton. Einzelne Mitarbeitende namentlich vor dem Team bloßzustellen oder Folgen bewusst zu dramatisieren, erzeugt Angst und kostet Sie Autorität. Legen Sie die Konsequenzen sachlich dar, statt sie zur Drohung zu machen. Dieses Verständnis zahlt sich vor allem in Ausnahmefällen aus: Wer den Sinn eines Prozesses kennt, findet auch dann eine gute Lösung, wenn ein Fall nicht exakt ins Schema passt.
Eine Tücke gibt es: Bleiben Sie auch bei gut gemeinten Regelverstößen konsequent. Niemand ändert den Prozess eigenmächtig „für den guten Zweck“ – das endet in Anarchie. Vereinbaren Sie stattdessen, dass Hürden sofort gemeldet und gemeinsam gelöst werden.
Den Prozess konsequent entlang KPIs steuern
Ein Prozess wird nur effizient, wenn jemand ihn anhand vorab vereinbarter KPIs im Blick behält und stetig vorantreibt – etwa über Durchlaufzeit, Fehlerquoten und Output-Qualität. Dafür braucht es einen Process Owner: eine konkrete Person in der Business Unit, die den Prozess begleitet, die Kennzahlen trackt und bei Abweichungen gezielt gegensteuert.
Halten Sie die Zahl der Kontrollgrößen dabei so pragmatisch wie den Prozess selbst, sonst frisst der Erhebungsaufwand den Effizienzgewinn wieder auf. Und geben Sie Ihren Process Ownern die Rolle des Rahmengebers: Sie schalten sich ein, wenn die KPIs es verlangen – nicht davor. Die goldene Mitte zwischen Steuerung und Micromanagement zu finden, ist Erfahrungssache. Genau dabei helfen wir Ihnen.
Konsequente Führung heißt hier, eng im Austausch mit dem Process Owner zu bleiben und entlang der KPIs Sparringspartner zu sein. Unterstützen lässt sich das analog wie digital, etwa über Prozess-Engines – gerade dann, wenn der Prozess sauber in BPMN 2.0 modelliert ist.
Fazit
Ob ein Prozess gelebt wird, entscheidet sich daran, wessen Perspektive er abbildet. Wer ihn mit dem Praxiswissen der Fachbereiche entwickelt, schlank hält, seinen Mehrwert auf individueller Ebene verständlich macht und konsequent entlang KPIs steuert, wird bei der Implementierung kaum Probleme haben.
Sie möchten wissen, warum ein bestimmter Prozess bei Ihnen nicht gelebt wird und wie sich das ändern lässt? Sprechen wir in einem unverbindlichen Erstgespräch darüber.